Von acht Uhr morgens bis zur Mittagspause wurde mir heute jede halbe Stunde vom Radio-Nachrichtensprecher stolz verkündet, wie viele Millionen Deutsche das gestrige EM-Spiel angeschaut hätten. Nach dem vierten Mal hatte ich dann beschlossen, keinem zu erzählen, dass ich eine von Millionen gewesen bin, die nicht mitgefiebert hatte und auch sonst weder Autoschmuck trägt, Korso fährt oder ein Fähnchen in den Wind hält. So stellt sich mir nun unweigerlich die Frage: Darf ich trotzdem hier wohnen bleiben?

Sollte mich eine vivum-Leser-Petition nun aus dem Land wählen, würde ich gern noch schnell sagen, was ich wirklich echt toll finde an Deutschland. So als letzte Worte zu meiner „Henkersmahlzeit“. Da wären wir auch schon beim richtigen Thema, Essen. Ganz ehrlich, egal in welchem Land ich bisher zu Gast war, egal wie lecker dort gekocht wurde, daheim schmeckt es mir tatsächlich am Besten. Ich mag unsere regionale Hausmannskost, ich finde wir haben eine lang zurückgehende Essenskultur, die auf frischen Lebensmitteln und einem gesunden Menschenverstand basiert. Also bitte einmal Linsen mit Spätzle und Wienerle, so als letztes Mahl vor der Ausreise.

Spätestens jetzt ist auch klar, dass ich natürlich im Süden Deutschlands beheimatet bin, daher muss ich ja schon fast sagen, dass ich unsere ordentlichen Gene hier unten einfach echt gut finde. Wer kann denn ernsthaft etwas gegen ein sauberes Treppenhaus haben? Keiner! Trendiges Berlin hin oder her, bei mir muss das Treppenhaus nach Apfel oder Blütentraum duften, nicht  nach Urin und Müll. Da schau ich auch gern mal mahnend die Nachbarskinder an, wenn sie ihr Schuhwerk nicht ordentlich abstreifen (nur ein Spaß, liebe Mütter. Ich liebe Kinder. Kinder sind toll und dürfen alles. Weil es natürlich immer süß ist und so).

Da ich nun bei einigen sicher im Spießer-Ranking relativ weit oben gelandet bin, würde ich schnell noch einen coolen Pluspunkt für Deutschland raushauen. Autobahnen! Jetzt seid Ihr sicher ganz schön geflashed – oder wie man angeblich heutzutage bei den jungen Leuten sagt: Das war „In-your-face-mäßig“. Vielleicht sagt man das auch nicht, aber wer einmal in den USA oder Schweden Auto gefahren ist, kann bestätigen, dass man sich ernsthaft die Frage stellt, warum es in diesen Ländern überhaupt ein Gaspedal gibt. Da könnte man auch laufen oder schieben. Daher, für mich ganz klar ein unverzichtbarer Teil meiner schönen Heimat.

Und weil ich ja vielleicht kurz vor der Ausreise stehe, darf ich bei all den positiven Dingen auch noch etwas schimpfen. Könnten wir eventuell etwas freundlicher werden? Ich wäre schon froh, wenn ich keinen Frontalzusammenstoß angedroht bekomme, sollte ich trotz Hindernis auf meiner Fahrspur noch am Vorbeifahren sein. Nett wäre auch, mich nicht im Olympia-Sprint inklusive Abdrängen in der Postschlange zu überholen. Und drittens, schön wäre auch ein Danke, hält man sich die Türe auf, aber vielleicht übertreibe ich es da auch schon wieder. Mit nett gewinnt man keine Kriege, sagte einst eine Freundin zu mir. Wobei, wir sind nicht mehr befreundet, könnte ein Hinweis darauf sein, dass ich doch ganz gern nett bin und auch noch keinen Krieg gewonnen habe. Und damit Ihr mich wieder lieb habt und nicht aus dem Land wählt, ich habe das Fußball-Ergebnis via Whats App erfragt. Bin also schon eine von Millionen. Eine von Euch :)